IT’S AN AZERI WORD! – ARTSAKH!
Essay
Berg Karabach/ Armenien, 2012.


Evy Schubert Karabach
einige warnten mich, einigen erzaehlte ich es nicht, aus ruecksicht, aber nun erzaehle ich es doch, weil es ja vorbei ist und ich berichten kann und ich mich selbst auch korrigieren will und korrigieren muss. berg karabach, das auswaertige amt warnt davor, sie gewaehren keinen schutz, auch Reiseführer gibt es nicht, nicht fuer dieses land das keines sein soll, in dem aber menschen leben, die auch berechtigung suchen und berechtigung haben, an sich, und es gibt dieses lied ‘nagorny karabach’, das ich schon vor vielen jahren hoerte, immer wieder, auch immer noch, ohne damals zu wissen, was das eigentlich bedeutet, bis ich dann wusste, was es bedeutet und zu recherchieren begann. vor langer zeit schon und doch schien es mir wie ein niemandsland, das unerreichbar sein sollte, aber jetzt war es so nah, wie nie zuvor und ich rief die armenische botschaft an, informierte mich, auch bei armeniern, kann man? darf man? sollte man? und dann fuerchtete ich, vielleicht hat ja das lied hier und da, das meint das gleiche, gar keine berechtigung oder keine berechtigung mehr. für wen ueberhaupt? und dann wurde ich mir meiner eigenen naivitaet bewusst, das mediale bild, das ich in mir trug ist doch ein vergangenes, 17 jahre altes, ich pauschalisierte durch mein unwissen, ja, ich war meine eigene zensur und dann, dann wagte ich es, reiste ein und ich sah keine zersteorung, nichts, ja bloss unschuldige und ursprüngliche, dicht bewaldete natur und berge mit lustigen falten, ganz alten auch, verheilte krusten eigentlich, leidende natur, frueher, vor unserer zeit und immer noch, gruene gesichter im halbschlaf, die auch mal weise laecheln, aber nicht offensiv und hier in stepanakert wo ich mich wieder und noch befinde, da denke ich zurueck an den ararat, den ich auf dem weg in den sueden stets an meiner seite aus dem busfenster sehen konnte, mit seiner anmutigen schneekuppe, die wie ein bett ueber dem land ruht, dem staatssymbol, das aber eigentlich doch tuerkei ist, und auch von einem anderen lied erzaehlt, und hier, wo noch armenien war, da war es so schoen karg, der horizont lag im sonnendunst begrenzt und die schlagloecher warfen mich an die decke der mashrutka, manchmal lachte ich darueber, und dann war ich mir doch sicher, im bus da singt ein vogel, ein kleiner, ganz froehlich, nein, ich bilde mir das nicht ein, nur wieso hoert das sonst niemand und dann schaut eine frau doch irritiert hoch, ich danke ihr mit einem blick, sie ist zeugin meiner geistigen verfassung, aber niemand sonst reagiert auf den blinden passagier und ich auch nicht, aber nur weil meine sprache hier keine gueltigkeit hat, ich bin taub und stumm und dann in der “hauptstadt”, das ministerium fuer auslandsbeziehungen, ich musste, visum und registrierung, ich werde nicht mehr nach azerbaidschan einreisen koennen, ich hatte das nicht vor und so schien das die richtige entscheidung zu sein, und doch ist das merkwuerdig, ich denke zum glueck moechte ich nicht in die usa, da wuerde das wohl wirklich niemand verstehen.
und dann, wieder in meinen gedanken, wie ich auf mein visum neben ein paar russen im schmalen gang des ministeriums warte und auch ihnen tropft der schweiss von der stirn, im geist zurueck zum ersten eindruck, die unverdorbene natur, rein und irgendwie goettlich, so sakral und orientalisch, und dann denke ich, wieso sollte es hier nicht auch schoen sein? wer verbietet das?und diese ruhe, ist das totenstille oder die ruhe des friedens, oder ist das das gleiche. ich habe fuer erfahrungen dieser art kein referenzsystem und doch ist die geographie nun orthodox dominiert, und mir faellt das schwer zu begreifen, der iran ist so nah und manchmal glaube ich diese naehe zu fuehlen, ein eindruck, den ich schwer beschreiben kann. und dann… dieses berg karabach, wenige tage zuvor wollte ich ja gar nicht mehr, wollte kein kriegsvoyeur sein, der den schrecken nachjagt, um etwas ganzes in sich selbst zu suchen. und doch, musste ich dem lied nun folgen, verdammt hätte ich sein sollen, ich spuerte das, und dann war das auch grund genug. und doch war es zunaechst ueberraschung, die mich empfang. mir wurde bewusst, ich hatte weder eine klare vorstellung, noch eine erwartung. das zentrum stepanakerts, ist so sauber, als wuerde es mit singapur konkurieren wollen, ueberall wird gebaut und es gibt eine ueberraschende vielzahl an ministerien, verwaltungssitzen und sonstigen staatlichen institutionen. und da ist aber niemand in den strassen. vollkommen leer, ein vergnuegungspark, cafes, aber da ist niemand – auf den ersten blick. sie kommen erst abends, fuer wenige stunden, nach der hitze, aber irgendwie hallt diese leere dann doch nach. und dann trat der voyeur wieder in mir hervor, ich wollte unbedingt das ganze verstehen, greifen, und ich fand einen taxifahrer, der mich ohne offizielle erlaubnis ins militaerische sperrgebiet an die „front“ fuhr und in die tote, gaenzlich zerstörte stadt agdam brachte – aber zunaechst sah ich sie ja kaum, die mauerreste sind schon laengst unter dem wilden willen der natur in eine andere ordnung uebergegangen. ploetzlich wurde ich mir meiner naivitaet bewusst, alleine mit den wenigen worten russisch als einzige konversationsmoeglichkeit, mitten im nichts, ich konnte nur vertrauen, in diesem nichts, wo voegel die stalkerähnliche szenerie okkupieren und baeume und straeucher die ruinen ueberwuchern, und dann sieht es auch mal aus wie in godards ‘weekend’, verrostete autowracks, anscheinend brauche ich kategorien, um das fassen und mich artikulieren zu koennen, wuerde ich eine neue sprache fuer diese unbekannte waehlen und gar erfinden, wieder koennte ich nicht teilen und mitteilen, auch wenn es doch nur eine annaeherung an die imagination zwischen den worten ist und dann, denke ich, man bleibt ein mensch, ob gut oder boese, kann dem auch nicht entgehen, und hier der unort oder nicht-ort, wo vereinzelte seelen, die gar nichts mehr haben, im schutt hausen, behelfsmäßig unterkuenfte geschaffen haben, ploetzlich ein kleinkind, dann die Mutter, wir schauen uns in die augen und ich weiss, ich werde diesen blick nicht vergessen, hier hat man keine postadresse, dachte ich, und Soldaten mit ihren panzern und weiteren waffen, deren bezeichnungen ich nicht kenne, die warten und ich frage mich doch, wieso sie nichts sagen, wenn das doch verboten ist hier durchzufahren und der taxifahrer hat das radio auf volle lautstaerke gestellt und der sender schwankt zwischen radio stepanakert und radio azerbaijan, wo gerade zum ramaddan suren im singsang verlesen werden, es springt wieder zu russischem pop und da sind granatapfelbaeume, in voller pracht, ungeerntet, und sergey parajanov begegnet mir, aber nur im geiste, ploetzlich ein soldat, der an einem kleinen wasserlauf seine kleidung waescht, als einzig wieder errichtetes gut fuer das militaer: die strommasten und irgendwer hat eine karabachsche flagge auf einer ruine angebracht, ich frage mich fuer wen, werden die azerbaijaner sie sehen koennen, niemand ausser dem militaer darf diesen ort betreten. offiziell. ploetzlich erreichen wir das, was ich als ehemaliges zentrum vermute, wo eine moschee in truemmern steht. aber sie ist das unversehrteste gebauede ueberhaupt, was ich erst recht nicht verstehe, ich frage ob wir halten koennen, ich moechte jetzt doch photographieren und dann sehe ich, dass man auf eins der minarette gehen kann und mache das auch und ploetzlich ist der taxifahrer weg und ich denke wieder wie verrueckt ich eigentlich war, dieses drama selbst aufzusuchen und dann kommen da zwei gestalten, ganz verwildert, mit meinen blonden haaren bin ich ohnehin schon blickfang genug, woher kommen sie, wohin gehen sie,ich versuche rational zu denken, einen hilferuf hoert hier nieman, ich weiss das, dann ist der taxifahrer wieder da, wir koennen ja kaum miteinander reden. wir steigen wieder ein, die musik droehnt wieder, ich moechte darueber lachen, weil es mir so pervers und absurd vorkommt, kann es aber nicht, die (toten-)stille und das vogelgezwitscher passten ja so zu meiner betrachtung – aber, er, er hat eben seine eigene. er braucht das drama nicht mehr und ich frage mich, warum ich das ueberhaupt brauche. auf dem weg aus der ‘stadt’, er verfaehrt sich einige male, die meisten strassen sind nicht befahrbar, zu gross die granatenkrater, zu hoch die baeume, die mittlerweile aus ihnen herauswachsen, vielleicht auch minen, dann das sperrgebiet, die front und tote stadt zu meiner linken, maisfelder auf der rechten und hier gibt es keine schlagloecher mehr, so dass er zu rasen beginnt, hier scheint es ein statussymbol zu sein, moeglichst schnell fahren zu koennen, wie die goldzaehne, aber keramik ist mittlerweile doch mehr wert, und die ladas, die schaffen das nicht, dann versteht man auch den kottbusserdamm in berlin besser, wo sie sich ebenfalls alle jagen muessen und dann denke ich, die menschen hier werden nicht gehoert, und dann haelt der fahrer wieder, an einem kriegsdenkmal, ein großer panzer und ein familie steigt ebenfalls aus, aus einem beigen lada, sie setzen ihre kleinen kinder auf den panzer und photographieren sie, ich wiederum photographiere das und merke ich komme gar nicht so schnell hinter her und dann bietet der taxifahrer mir an, mich ebenfalls vor dem panzer zu photographieren, ich verneine das, spacibo, was er nicht versteht, aber wir koennen darueber auch nicht sprechen und dann rasen wir in die stadt, stolze fahnen mit dem wappen karabachs, einem adler, der mich zu sehr an den reichsadler erinnert und dann jubilaeumsschriften „1992-2012“, eine junge existenz, ich steige aus, er duest davon, die musik hallt nach, ich glaube er hupte auch, aber das weiss ich nicht genau, und ich fuehle mich als wäre ich tatsaechlich aus der leinwand eines tarkowskyfilms in die realitaet irgendeines zentrums einer durchschnittlichen, postsowjetischen kleinstadt geworfen worden, ohne uebergang, und ploetzlich hat das einstige lied berechtigung, fuer mich, die begegnung mit der apokalypse und dem nirvana, dem zirkelschluss der menschheitsgeschichte, exemplarisch verkleinert an diesen ort, und ich versuche das gefuehl zu halten, aber da waren so viele und ich frage mich, wie ich ueberhaupt zu reagieren habe oder haette, mir ist die moralische vorstellung dazu abhanden gekommen, historisches wissen und berichte beider seiten helfen mir da nicht mehr, und betroffenheit scheint ebenso absurd wie gleichgültigkeit und dann denke ich an den morgen, der diesen tag, ueber den ich hier schreibe, beginnen liess, als der hahn zum sonnenaufgang kraehte und ich, kurze zeit spaeter nur, von einem kloster in den bergen 40 kilometer zur naechsten stadt zu wandern hatte, weil es keinen bus mehr gab und ich mich fragte, ob ich das ohne wasser in dieser urspruenglichen natur und einsamkeit bewaeltigen koenne, aber ich musste ja und dann hielt irgendwann ein auto, das aus dem nichts zu kommen schien, alleine trampe ich nicht, lieber nicht, aber dann empfing mich das laecheln einer grossfamilie, die englisch sprach und so stieg ich dann doch ein, es war ja doch absurd, was ich mir vorgenommen hatte und sie gaben mir persischen safrankandis und ein laecheln und sie konnten es nicht glauben, dass ich alleine durch artsakh pilgere, wie sie sagten, ich liess die religioese diskussion aus, ich bin ja einem anderen ruf gefolgt und so spinnt sich mir hier ein kaleidoskop, immer weiter und größer, zeigt mir gesichter dieses ortes, wenige und doch einige, von so vielen mehr die sind, in diesem land, das parallel zu allem ist.