В Сибири нет хобби

Berlin- Tegel.
Mal wieder.

Aufhebung der Parallelität bei gleichzeitiger Verschärfung eben dieser. Sibirien ist schon da. Ich nicht. Ich bin noch nicht dort, aber da, wo aus da dort und aus dort da werden wird. Dann.

Wolkendecke, gleich zu durchsteigen, plötzlich russisch. Kartographierung der Welt oder der Ichwerdung, sie wächst zu einem absteckbaren Netz meiner Reisen, meiner Begegnungen zusammen. Sibirien. Im Atlas betrachtet, werde ich mich da und dort, das meint das gleiche, auf fünf Quadratmilimetern bewegen; Maßstäbe werden aufgelöst. Es ist schwer, die Welt parallel oder in ihrer Multidimensionalität, ihrer Gleichzeitigkeit, die gleichzeitig eine Einheit ist, zu erfassen, weil man diese Erfahrung stets an das individuelle und chronologische Betrachten oder Werden koppelt und so begegnet man der Welt in einer radikalen Absolutheit, übersieht dabei, wie viel mehr sie weiß als wir, sie, die die Jahrhunderte tatsächlich erlebt hat, sie, die sie überhaupt ermöglicht hat, sie die sie überdauert hat, sie, die die irdische Zeit gerade vorgibt oder vorgeben möchte.

Evy Schubert

Spurensuche in Sibirien. Und am Ende, ist die Zeit doch räumlich, aber sie wird jenseits unserer Erfahrung bleiben, auch wenn wir Grabsteine mit Daten markieren.

Sibirien. Warum?

Das ewige Vergessen

Der äußere Grund – die Einladung zu einem Filmfestival als Jurymitglied sowie mit meiner ersten Retrospektive; ja, ich habe mich auch gefragt, ob ich nicht noch zu jung dafür bin oder ob ich eben doch schon so alt bin, so überraschend alt, dass man mein Leben und Schaffen bereits im Rückblick betrachtet oder betrachten muss, ich stehe mir meiner selbst gegenüber, eben noch im Glauben an den Anfang, einer gewissen Jungfräulichkeit, nun konfrontiert mit dem abgeschlossenen Werk eines Werdegangs – ein Aufhänger und vielleicht geht es in diesem Falle auch mehr um das Finden, als das Suchen. Noch ist es jenseits meiner Vorstellung, da die Vorstellungnur Klischéebilder erahnt, die ein verzerrtes Abbild aus Arbeitslagern, leerstehenden Fabriken, von Alkohol zerfurchten Gesichtern, die tatsächlich Geschichten erzählen, Atommüllablagerungen, Kampf gegen die Kälte und der Kampf gegen das ewige Vergessenwerden, umgeben vom wilden Willen der Natur, entstehen lassen wollen.

In Transit.
Moskau.

Ich erwarte gar nichts. Warum auch?
Vielleicht ist das die schönste Art zu reisen – und schon staune ich.

Krasnoyarsk – Taiga du Große
Аэропорт. [Flughafen.]

In Mitten tiefer Taiga, das, was man wohl gerne mal den Arsch der Welt nennt oder nennen möchte.

Die Landebahn, der Flughafen, die wenigen gezeichneten Gesichter an diesem fernen (für
mich, aber gleichzeitig auch nicht mehr fernen, Evy Schubertweil ich ihn nun erfahre) Ort, wirken tatsächlich so künstlich hineingesetzt in diesen tiefen Wald und man versteht die einstige Strafverlegung und Zwangsansiedlung in dieses Etwas unweigerlich, ja, es durchdringt einen auf das Schärfste, ein Etwas, das schon auf den ersten Blick nicht für Menschen gemacht scheint, ein Etwas jenseits des Menschen. Zum ersten Mal werde ich mit einem Lächeln registriert, anscheinend verirren sich nicht so viele Ausländer in das kleine, einzige, Flughafencafé oder in diese Stadt. Zu früh für Erkenntnisse, zu früh für Verallgemeinerungen – vielleicht ist es dafür immer zu früh, aber alles will mir wie in surrealen Träumen erscheinen, ein Spiel, welches ich als solches wahrnehmen kann, weil ich der Gast bin, um mein Referenzsystem zu hinterfragen, dessen Gültigkeit mir nun geographisch und kulturell absolut begrenzt erscheint. Der Blick führt Regie, ich interagiere noch nicht, ich staune.

Schulwissen aus dem Geographieunterricht das lebendig wird, ein Erdkundebuch in dem Jahre nach dem Fall des Kommunismus immer noch ausschließlich die Sowjetunion abgebildet war, die neuen und dann nicht mehr neuen Grenzen von Kinderhänden nachträglich hineingezeichnet. Man hat nichts verstanden. Nichts, um dann später versuchen es doch noch zu verstehen. Was noch? Zwei Monate Sommer, ich schaue in das morgendliche, verregnete Blau, das schwer auf dem Rollfeld liegt, zwangsläufig imaginiere ich die Schneemassen, die bald kommen werden, hier, wo ein Winter mit minus 25 Grad als mild gilt, minus 65 die Norm bildet und wieder frage ich mich, wie man sich hierher verirren konnte? Menschen mussten herhalten, um geschlossene Größe in die Welt zu tragen und bis heute zu demonstrieren. Das Riesenreich. Это Большой! [Das ist groß!] Wieso gibt es eigentlich keinen Staat auf dieser Welt, der ausschließlich der Natur gehört? Einen Ort, wo sie tatsächlich uneingeschränkt walten, wachsen und blühen kann? Der Mensch erscheint im Anthropozän. Der Mensch als ein Jenseits der Natur, jenseits seiner Herkunft, der Mensch im Heute. Herr Özdemir, organisieren Sie das doch bitte mal! Überlassen wir die Taiga sich selbst!

Ein Blumenladen, ein Café – reduziert auf das Nötigste. Die Warte- oder Empfangshalle. Ich warte und werde nicht empfangen. Noch nicht. Ich werde lange warten. Außer mir: im Vergleich zu den ankommenden Passagieren, überproportional viele Taxifahrer. Nicht reduziert, hungrig nach Arbeit. Die Blumenverkäuferin ist auf ihrem Tresen eingeschlafen, ihre Körperhaltung demonstriert Tristesse und Ausweglosigkeit. Die Cafédamen hingegen erfreuen sich über ihre eigene Weltoffenheit, ich werde zur Quote und der Kaffee zum Boten in eine ferne Welt. Ich lächele zurück. Ansonsten viele ernste Gesichter oder ausdruckslose Gesichter, für einen Fremden schwer zu lesen, noch. Wieso gilt es hier als dümmlich, zu lächeln? Wie hat sich das im Laufe der Zeit in den unterschiedlichen Kulturen heraus gebildet?

Der Blick schweift, weiter und zurück, ist dann doch verblüfft beim Anblick der internationalen Ausschilderungen auf englisch und chinesisch, die Kleinstadt präsentiert sich groß und weltgewandt, während der Moskauer Flughafen sich mit russisch genügte. Moskau ist groß genug, Moskau ist in der Welt. Moskau ist hier die Welt. Dennoch für meinen Blick und mich, die zwangsläufige Assoziation, wird das Chinesisch zum Verweis meiner geographischen Verrückung, ein Land, sonst fern, nun in der Nähe, nun mein neuer Nachbar.

Es durchfährt mich immer wieder. Wenige Stunden erst bin ich in diesem Land, noch immer am Flughafen und doch begreife ich Tschechow sofort: Nach Moskau, nach Moskau! Ich kann es fühlen. Mit euch.

Eine Durchsage, eine weitere Maschine ist gelandet, die Empfangshalle füllt sich. Mit Taxifahrern.

Steppe. Tundra. Taiga, damals habe ich dich gehasst und konnte nicht verstehen, warum ich dich lernen sollte. Nun bin ich dankbar und überrascht, was von dem verachteten Schulwissen hängen geblieben ist. Ein Lehrer mit Mundgeruch, Lehre ohne Humor als Leere um halb acht am morgen. Er hat es geschafft, würde er dies lesen, würde er sich wohl freuen, dass er nicht in Vergessenheit geraten ist. Wohl mehr als über die Erinnerung an seinen Geruch. Mich hat er sicher vergessen, ich war jenseits des Durchschnitts. Im Minusbereich. Das einstige Desinteresse hat er vielleicht wiederum nicht vergessen.

Immer will der Mensch erkennen und Schlüsse ziehen, wie eilig hat er es dabei, sofort erfassen zu wollen, einzuordnen, mit der eigenen Biographie rückzukoppeln, die Sprache dabei nicht zu verstehen, wird zum Geschenk, die Hast verdrängt durch Staunen.

Wann sind wir jenseits unseres Urteils? Wann sind wir frei?

Was mache ich hier? Ich weiß es wirklich nicht. Der äußere Beweggrund wirkt abstrakt und geradezu irrelevant, ja, ich denke gar nicht an ihn. Nur hier, kurz, im Zuge der Verschriftlichung. Oder für die Leser. Welche Leser? Ist es schon eine Handlung, dass ich das Flugzeug bestiegen habe?

Sibirien. Manche Rufe werden erst spät im Leben gehört, um einen zu überraschen, so dass sich ihre Wirkung noch ungefilterter entfalten kann, die Tatsache, dass der einstige
Wunsch, das einstige Ziel Evy Schubertdann doch irgendwann zum Handlungsraum wird. Warum so lange warten? Je weniger ich reisen, je mehr ich arbeiten möchte, desto mehr bin ich unterwegs. Ich habe aufgehört zu zählen, wie häufig ich in diesem Jahr bereits durch die Luft geschossen bin, um in einem anderen Kontext oder einer anderen Geographie, das meint nicht das gleiche, ausgespuckt zu werden. Alles wird plötzlich, direkt und da – ohne Übergang. Man muss schnell erkennen, schnell erleben, schnell verarbeiten und hofft dann noch, dass man nichts vergisst. Vor allem nicht die Empfindung oder den Geruch (von Blumen zum Beispiel, nicht von Mündern). Was verflüchtigt sich als erstes, was bleibt? Ein Abgleichen mit den Photos, die ich machen werde, Wetteifern von Eindrücken im nicht Fixierbaren mit dem Mittelbaren? Was besteht, das verzerrte Konservat und Kunstobjekt oder die tatsächliche Empfindung? Die Herausfilterung des Wesentlichen. Darum geht es. Immer.

Die Baristadamen lächeln tatsächlich immer noch, ja, auch ich bin noch hier, mit den Taxifahrern, der schlafenden Blumenhändlerin und den zwei Lächeln. Dann eine Familie, Telefone werden zur photographischen Begrüßung gezückt, das direkte Erleben durch eifriges Knipsen unterbrochen. Ja, warum auch sollte die Digitalisierung vor Sibirien Halt gemacht haben? Revidierung von Erwartungen. Vorstellungen oder Vorahnungen werden fortan nicht mehr akzeptiert.

Luftballons, in Zellophan eingeschweißtes Gepäck, Taxifahrer.

Taiga, was wird sich offenbaren, wenn ich gleich, dann, deine Wälder auf der Landstraße durchquere, gleich, dann oder wenn ich jemals abgeholt werde? Hier oder jenseits der Zeit?! Mashrutka, wo bleibst du? Ich warte, weiter, ich wundere mich nicht, ich warte für Stunden. Vielleicht ist auch das Sibirien.

Die blaue Schwere lichtet sich, behäbig kriecht sie über die Straße, dahin, wo deine Wälder warten.

Taiga, was habt ihr vor, du und das Blau?

Und dann wieder, die Imagination kennt keine Limitierung. Ich stelle mir vor. Nicht das, was wahrscheinlich geschehen wird, sondern das, was jenseits der Wahrscheinlichkeit liegen könnte, das, was ziemlich sicher nicht geschehen wird, ich bastele Geschichten aus Eindrücken, vielleicht assoziiere ich, vielleicht gibt es dann doch eine Differenzierung zwischen Imagination und Phantasie. Mit Sicherheit wird nun kein Tiger das Flughafengebäude betreten und sagen ‚Ey, Jungs, wollt ihr `ne Milch?‘ Aber, es könnte durchaus oder theoretisch geschehen. Ich sehe den Tiger vor mir. Er ist da. Ein sibirischer Tiger, ja.

Mashrutka, Minibus, die Taiga wird durchschnitten. Endlich. Üppiges Grün drängt sich auf die Straßenränder, man sieht seinen Kampf mit den Straßenarbeitern, die es immer wieder zurück schneiden müssen und werden. Taiga, kämpf weiter! Du wirst es schaffen! Irgendwann.

Rüschenvorhänge, Flatscreen, Häkelkissen, Popmusik. Nadelbäume und Birken so dicht, der Blick reicht keine fünf Meter tief hinein in diese grüne Wand. Taiga, was verbirgst du?

Man redet nicht, noch nicht, ich auch nicht, aber ich muss lachen. Wir im Minibus aus einer anderen Zeit durch die Zeit.

Was mache ich hier? Schon wieder diese Frage. Schon wieder ein Lachen und fragende Blicke, die ich daraufhin empfange. Was soll ich antworten? Ich lache wegen Sibirien. Wie erklärt man das? Besser gar nicht. Noch nicht.

Sibirien. Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dass ich es noch herausfinden werde.

Plötzlich denke ich an andere Augenpaare, wie sie wohl wahrnehmen würden.

Wolkenspiele in einer mir ungeahnten Dreidimensionalität über der hügeligen Ebene, die sich bei Krasnoyarsk gegen den dichten Wald entschieden hat, sie türmen sich auf, um die dichte Himmeldecke, die auf die Erde nieder zu fallen droht, zu bekämpfen, alles in Blaufilter getaucht, der Geruch von Schweiß dringt bei jedem Schlagloch schlagartig aufs Schärfste aus den Sitzpolstern hervor.

Rauchwolken der Fabrikschornsteine von Krasnoyarsk wetteifern um ihren Platz am Himmel, so viel Rauch, dass von der Stadt selbst kaum etwas zu erkennen ist, so viel Rauch, der gegen die monströse Himmeldecke prallt, um sich auf Sofortiges ebenfalls gegen die Erde nieder zu drücken und den Rest der Weite auszufüllen. Eine Horizontale, die nicht durchbrochen wird.

Nun Kolkraben, etwas Sonne, immer noch Popmusik und die Mashrutka ist mit Laminat ausgelegt (Muster: Küchendielen).

Ich weiß, dass der Tod eines Tages zu mir kommt, aber was macht er, wenn ich dann nicht da bin?

Kansk

Wenn die Züge der transsibirischen Eisenbahn über die schwere Brücke des Kan fahren, so erbebt die ganze Stadt und ist von einem Donnern erfüllt wie bei einem Fliegerangriff. Man erstarrt in Ehrfurcht und faltet gedanklich die Hände zum Gebet.

Das System gibt vor und kennt keine Flexibilität.

Ich habe einen Strommast in meinem Vorgarten.
Ich habe keinen Vorgarten mehr.

Dafür hat der Dolmetscher eine Fahne, die Feuer spucken könnte. Man trinkt Selbstgebrannten. Aus Einmachgläsern.

Archaische Extreme.
Das Schwarzweiß.

Это Сибирь [Das ist Sibirien]

Im Kaufhaus auch: die Zeitreise, als hätte man die Sowjetunion an diesem Ort versuchsweise konserviert. Die einzige Ausnahme: Coca-Cola, Internet, Bananen, etwas Werbung, auf den Straßen: gelegentlich Neuwagen.

Eine Führung durch das Heimatmuseum des Ortes, jeder Stein bekommt eine Geschichte, auch um zu zeigen, dass man aus dem absoluten Durchschnitt irgendwie doch etwas Besonderes machen kann. Man muss es nur behaupten. Schon wieder bin ich die Quote, der lang ersehnte Tourismus. „Die Urbevölkerung war sehr primitiv und rückständig. Glücklicherweise haben die Russen Bildung nach Sibirien gebracht.“ Die Dolmetscherfahne fasst den Bericht der Museumswärterin zusammen, ich nicke höflich und frage mich, ob das außer mir noch jemand hinterfragt.

Und manchmal denkt man es dann doch und ärgert sich dann auch über sein Urteil: die Symbiose aus neunziger Jahre Schick und Sowjetunion hat etwas von einer großen Schau auf einem Bad Taste Contest. Schönheit trägt mehrere Gesichter, hier ist sie verborgen, hat sich aus dem (An-) Schein zurückgezogen.

After I saw your films, I really wanted to invite you to this festival that you can see this city. I think you understand why.

Hmm.

Konformität und Hörigkeit, das System gibt vor, unfreiwillig gebrochen, unfreiwillige Komik. Für wen? Für mich? ‚Ich bin Russe und für mich ist es schon mehr als absurd hier zu sein, aber wie verkraftest du das?‘ Flexibilität jenseits des Systems bleibt eine Herausforderung, das Lachen darüber jedoch ein Flexibles.

Schwarzer Tee mit Zitrone, daneben ein Karpfen. Allerdings im Aquarium. 

Kansk, umgeben von ehemaligen Gulags, die Stadt selbst zum größten Teil erbaut durch inhaftierte Wehrmachtsoldaten, es erscheint mir als gerechte Strafe für ihre Verbrechen.

Wenn Absurdität als Normalität betrachtet wird.

Он также Вареники. [Er auch Vareniki.]

Etwas, das eben so ist, etwas, das unabänderlich hingenommen wird. Wo ist die Hoffnung auf Selbstbestimmung?

Endlich Sonne, die Öffnung des Himmels, plötzlich nach Tagen, ein vertikaler Eindruck. Es gibt ein Oben.

Die Stadt bebt wieder, die Transsibirische überquert den Kan, eine Minute der Ehrfurcht, das Grollen, gleich wird es in den Tiefen der Wälder verstummen, im grünen, ewigen Maul der Taiga. Sie verschluckt alles, was sich ihr nähert.

Was macht der Strommast in meinem Vorgarten?

Нет [Nein]

Die Kaffeemaschine des Hotels ist defekt. Evy SchubertUnter anderem. Man kann nur lachen und wundert sich dann aber auch wieder nicht mehr. Nichts funktioniert [не работает], man nimmt es hin statt es zu reparieren, wundert sich auch nicht, dass es am Ende so wenig Fortschritt und Zufriedenheit gibt, es ist dann einfach so. Wer hat denn bei Tschechow, Dostojewski, Gorki oder Bulgakow jemals irgendwann gearbeitet? Die großen Bürger brauchten doch nicht zu arbeiten und die kleinen Bürger hatten erst gar keine Arbeit. Dann die Absurdität darüber, wie ein großes, internationales Filmfestival an diesem Orte vollzogen werden, ja, dass es überhaupt hier stattfinden kann.

И  или и [Und oder und]

Russische Popmusik, Jugendliche am Kan, die sich gegenseitig photographieren, Jugendliche mit Plastiktüten. Wodka in Plastikflaschen in Plastiktüten, weil es keine Alternative gibt und eine Entwicklung kaum stattfinden kann und das können sie wiederum nicht wissen wegen der Plastiktüten oder wegen der Plastikflaschen in den Plastiktüten. Wegen des Wodkas in den Wasserflaschen aus Plastik, oder, oder, oder. Und oder und.

Hauptsache Dekoration. Plastikblumen. Plastikvorhänge. Orientteppiche, Statuen, Kronleuchter (Imitate). Imitate als Statussymbol. Imitate als Referenzen.

Wie berichtet man über eine fremde Welt ohne zu bewerten? Wann ist man jenseits des Urteils, wann ausschließlich in der Betrachtung?

Они [Sie]

An der kleinen Bar, in meinem Blick die blondierte Rezeptionistin, der ich heute nach russischem Brauch eine Tafel Schokolade geschenkt habe, weil sie mir ihren mit Katzen verzierten Regenschirm geliehen hat und ich dem nassen Grau des Draußen trotzen konnte. Seitdem lächeln wir beide, ein Lächeln jenseits der Sprachbarrieren, dann doch oder auf einmal ein herzliches, schnelles und unvermitteltes ‚Hi!‘ und das Lächeln wird zu einem sehr echten Lachen, das sich in ihr sonst so ausdrucksloses Gesicht zaubert, ein Lachen auch über ihr einziges englisches Wort und ich freue mich mit ihr und sage ‚привет (‚Hallo‘) und da passiert etwas sehr Wirkliches, glücklicherweise bleibt Freundlichkeit grenzen- und staatenlos, bleibt jenseits von Geographie und Sprache, Freundlichkeit bleibt Mensch. Und vielleicht begegnet sie wenigen freundlichen Gästen, hier hinter ihrem Tresen mit dem 24-Stundendienst, hier in dieser kleinen Stadt, wo es mehr Schnee als Sonne gibt, vielleicht möchte sie lieber Gast sein, ich möchte ihr Freude bereiten, weil auch ich eine merkwürdige Freude an diesem tristen Ort erlebe, eine unverkleidete, ungeschminkte Freude, weil ich umgeben von all der Armut glücklich bin und erkennen muss, dass Reichtum nicht materiell ist, sondern dass er aus Güte, Anmut und Herzlichkeit bestehen kann, ich möchte ihr das zeigen, dass mich das Leben hier gerade reich beschenkt, sie wird zum stellvertretenden Empfänger meiner Betrachtung und unsere Bindung über die nächsten Tage von skurriler Intensität. Und ihr Lächeln zeigt mir, auch ich bin stellvertretend, wofür oder für wen, werde ich noch herausfinden. Vielleicht für ihre Hoffnung.

Draußen donnert sie wieder, die Transsibirische. Drinnen donnert es auch, im Fernseher, aber niemand schaut zu, auch nicht die Putzfrau, die den ganzen Tag hier warten muss. Auf Abruf.

Dann wieder draußen, Nebelschwaden so dicht und voluminös, als seien sie künstlich und bestellt, die Vertikale will einfach nicht bleiben, der Blick zwangsläufig ein Schummriger, wie nach mehreren Plastiktüten oder Plastikflaschen, oder, oder, oder. Folgend der assoziative Rückblick, vor wenigen Stunden ein Jetzt, im dunklen Kinosaal des Kulturzentrums, Filmvorführung, manch einer war nicht sehr konzentriert, wegen der Plastiktüten oder Plastikflaschen und so stolpert alle paar Minuten der nächste aus dem Saal und als würden sie sich abgesprochen haben, als würden sie sich unbedingt gegenseitig nachahmen wollen, stolpern sie allesamt über die gleiche Schwelle, stürzen sie allesamt nacheinander auf die gleiche Rückenlehne des gleichen Sitzes bis es kracht, direkt vor mir in meinen Blick hinein und ich sehe nun zwei Filme, die sofortige Scham lässt den Schummer aufs Plötzlichste verschwinden, ihre Körper zeigen ‚Zum Glück ist der Saal dunkel, niemand erkennt mein Gesicht‘, woran sie in dem Moment noch nicht denken, ist, dass ihr Gesicht wie von einem Scheinwerfer angestrahlt, aufleuchten wird, sobald sie die Saaltür öffnen, da der Vorraum hell erleuchtet ist und die Einlassdame einfach nicht hinterher kommt, den schützenden Vorhang immer wieder rechtzeitig zu zu ziehen, und dann sieht man die Schamesröte blitzschnell in die Gesichter schießen und genauso schnell versuchen sie die Tür zu schließen und sich auf ihren Schritt (Vorsicht Doppeldeutung!) zu konzentrieren, aber wir haben es ja doch alle gesehen und dann kommt auch schon der nächste. Kurz darauf betreten andere den Saal und man sollte über eine Schwingtür nachdenken, statt einer Plastiktüte tragen sie eine Fahne. Was die Fahne jedoch nicht trägt, ist das Emblem einer Revolution. Sie ist die symbolische Antirevolution, sie ist der tägliche Kampf.

Это Сибирь? [Das ist Sibirien?]

Frage im Rückblick, Frage im Kreisverkehr. Was mache ich hier? Heute im Regen mit dem Katzenschirm fragte mich kein Blick mehr, was macht die hier? Wo beginnt die Assimilation jetzt?

Kreisverkehr, was mache ich hier. Ich weiß es nicht, aber ich weiß, was ich bisher Evy Schubertgefunden habe. Unter anderem eine Essenz, die zum spielbaren Material werden wird,
irgendwann. Eine Essenz dessen, was in der Naivität und im Sein des Menschen ihre Beschreibung findet, seine Unterwerfung gegenüber nicht hinterfragter Konventionen, Systeme und seinem gnadenlosen, beflissenen Konformismus, aus dem tiefen Wunsch heraus, Teil zu sein. Die Frage nach dem wovon ist dabei unwesentlich, die Heiligkeit des Teilseinwollens überschreibt alles, die Auflösung des Individuums für die Masse selbst wird dabei zum Erlösung versprechendem Ritual und Gut. Von außen betrachtet – als Gast mit Distanz leichter und zwangsläufig schärfer im Urteil – entlarven sich nun die herrlichen Momente der unweigerlichen Brüchigkeit des Systems, der Mensch wird Mensch bleiben und so scheitert er auch in seinem Übereifer, Masse zu sein, не работает, und unwillentlich missglückt dann alles, er handelt gegen das System, kurze Ausbrüche, um daraufhin um so beflissener in seiner Konformität aufzugehen und sein Gewissen zu beruhigen. Und nun die Lupe, das Stolpern in Slowmotion, mikroskopisch vergrößert: die Absurdität und Totalkomik menschlichen Seins und geglaubten Handelns. Wir sollten uns endlich fragen, wofür.

Этот человек [Dieser Mensch]

Wo beginnt die Handlung? Was ist wirklich der Anfang oder wer? Wie weit geht man zurück und wieso wird der Impuls als etwas Plötzliches beschrieben, wenn seine zugrunde liegende, schnelle Entscheidung doch im Puls, im Rhythmus, der jeweiligen Person eingeschrieben ist, ja überhaupt nur aus seinem individuellen Sein resultieren und folgen kann? Im Puls, absolut bei sich selbst, sein. Ich bin nun gerne impulsiv. Ausschweifungen, die aber jenen schmalen Grat aufsuchen, weshalb mir hier alles tragikomisch erscheinen will, unweigerlich wegen des Kreisverkehrs, wer denkt hier wirklich, der Mensch oder das System? Und wofür? Wo ist die oder meine Objektivität? Ich möchte nicht bewerten, dieser Ort bringt mich zum Lachen, Staunen, aber ich werde ihn wieder verlassen können, seine, meine Limitierung lenkt meinen Blick, erlaubt mir den Humor und die Liebe, ich habe Alternativen zur offensichtlichen Tristesse. Es gibt keine Menschen mit Besitz, offensichtlich sind sie weggezogen. Hier muss es einen anderen Reichtum geben. Wie kann ich denn über dieses Kansk, diesen einen kleinen Millimeter auf der Landkarte, berichten, um den Menschen gerecht zu werden, sie zu repräsentieren, ohne sie zu belächeln? Und warum möchte ich das? Wie, wenn ich mich glücklich schätzen kann, dass Plastiktüten mit Plastikflaschen nicht den Status Quo meines Seins, meines Umfeldes bilden? Wie? Unsere Wahrnehmung bleibt an ein Urteil geknüpft, sie ist unfrei von der eigenen Biographie, sie ist Resultat dessen. Was liegt hinter der russischen Tristesse und wo liegt die Freiheit jenseits der Anarchie?

Ein Lachen wird selten hinterfragt.

Wie betrachte ich unabhängig eines sozialen Gefüges? Wer setzt die Maßstäbe? Sicher Evy Schubertnicht der Gast, nicht das von außen! Und dann das Kaleidoskop aus Herzlichkeit, Güte, Gastfreundschaft, Blumenbeete, die wie Heiligtümer vor Betongrau gepflegt werden, Rituale beim Teetrinken, die weit mehr als Tradition und Sinnlichkeit repräsentieren, den tiefen Humor und das plötzliche, echte allumfassende und unvermittelte Lachen, das sich einem auftut, immer wieder, überraschend und ehrlich. Nichts wird gespielt, Emotionen bleiben echt und ein Grau wird zum Regenbogen. Ich sehe all das, liebe es jetzt schon, möchte all das sehen. Wo beginnt mein Egoismus dann? Ich möchte auch eine schöne Zeit verbringen, möchte Geschichten erzählen, schreibe meine Geschichte, die Lenkung des Blicks und dann doch der Kreisverkehr. Ich amüsiere mich an dem System anderer und begebe mich unweigerlich in das meine – zurück. Dann oder auch jetzt und hier in der Betrachtung. Ich stelle dich auf den Kopf, du Referenzsystem wirst hier keine Gültigkeit mehr erfahren! Ich schaffe das. Für den ungetrübten Blick oder für eine andere Empfindlichkeit. Ein neuer Grund meines Hierseins, alles zu vergessen, was bisher war und ist, die Erde neu betrachten, wie verzerrt wird mir meine Heimat erscheinen, das spüre ich jetzt schon und ich werde es erleben. Dann. Für wie lange? Dann werde ich spüren, wie stark die Gewebe des dortigen oder hiesigen Systems (auch das meint das Gleiche) gesponnen sind, um mir vor Augen zu führen, dass nur der einen leichten Kampf führt und Alternativen kennt, der sich außerhalb befindet.

Der Mensch ohne Rätsel, ohne Fragen, ohne Erkenntnishunger – ist kein Mensch.

Und dann der Kreisverkehr der Plastikflaschen: ‚Ich hatte mal Fragen, aber das Leben antwortet nicht.‘ Vielleicht ist es hier jenseits des Systems zu suchen.

Unweit der Hotelterrasse, nächtlicher Nebel als fünftes Element, mal wieder, Güterzüge Evy Schubertauf den Gleisen der Transsibirischen mit ihrem zweiminütigem Beben auf der Eisenbrücke bevor der tiefe Wald ihr Grollen für immer verschlucken wird und der nächste Zug passieren, der aber nur fast genau so klingen wird, Autoparty mit Popmusik, das unweit gelegene Ufer als Treffpunkt einer Jugend, das Rudel wilder Hunde bleibt heute aus, alternativ ein glückliches Aufschreien trunkener Frauen, nur zu vernehmen, die dazugehörigen Gesichter, obwohl nur wenige Meter entfernt, meinem Blicke verborgen denn die Nebelwand spielt Paravent. Das Fast macht den Unterschied. Wieso weiß ich so wenig? Und dann, würde ich mehr wissen, wäre ich voreingenommener? Schneller im Urteil? Es soll eine Tugend sein. Also Urteil und Erwartung des Unerwartbaren zugleich. Man muss multipel sein.

Und dann sagt man Спокойной ночи [Gute Nacht] zur Rezeptionistin und sie lächelt und dann schaut sie doch Fernsehen, Batman, und wartet auf Arbeit. Nachts. Wenn alle Gäste schlafen. Dann: Batman ist ihre Arbeit. Heute Nacht.

Rauchen für die kleine Anarchie aus dem Hotelfenster heraus. Inzwischen ist der Nebel so dick, dass man den Zigarettenrauch, sobald er den Mund verlässt, kaum mehr sehen kann.

Es ist spät oder früh. Ich passe mich keiner Zeit mehr an. Ich bin. Einfach. Absolut hier. Oder bei mir.

Это я [Das bin ich]

Taiga, du Große. Und das Tuten verschwindet im Wald. Hier wird viel transportiert.

Wenn der Geist wach und glücklich ist, er sieht die Müdigkeit des Körpers nicht mehr. Ich schlafe also nicht. Nicht in Sibirien.

Und geht man zum Laden [Продукты], um sich Bananen für das Frühstück zu kaufen, durchdringt einen in der Umgebung doch unweigerlich das Gefühl, sich etwas Besonderes leisten zu können. Bananen schreiben das Goldene Zeitalter fort, nur dass man nicht mehr in der Schlange stehen und hoffen muss. Dennoch: Nichts ist, nichts bleibt selbstverständlich.

Armut, Relikte der Sowjetunion, und Turbokapitalismus. Ein brisantes, skurriles Zusammenspiel. Wollen ohne zu können.

Plastiktüten, früher besonders, weil antikommunistisch, heute besonders, weil immer noch wegen einer oder der Vergangenheit verehrt und nun erhältlich in vielen bunten Mustern und Motiven für jeden Anlass. Die Plastiktüte gehört zum guten Ton, man bezahlt gerne für sie, weil sie etwas Besonderes ist. An Umweltschutz wird dabei nicht gedacht.

Es rattert. Auf den Gleisen über dem Kan. Und in meinem Kopf.

You know, we don’t have this German ‚Ordnung‘ here in Sibiria. We are chaos, you understand?!

Ja, vielleicht ist das aber auch mal ganz gut. Und dann zitiert er die Einstürzenden Neubauten und Rammstein und beginnt für mich zu singen, mit weicher, süßer Stimme, Neuinterpretationen vergangener Größen ohne dabei ein Wort des Wiedergegebenen zu verstehen. Plötzlich mag ich Rammstein unheimlich gerne und denke immer noch nicht über mich selbst als deutsch nach, ich bin Mensch.

Kanskstyle oder, das was Anmut
Evy Schubert

Treffpunkt Rezeption, meine neue Freundin und ich. Sie photographiert mich mit meinem Telefon vor dem Aquarium. Sonst beobachtet sie die Photographen, die in diesem Hotel frisch vermählte Paare photographieren. In diesem Hotel, das zum Statussymbol wird, wenn man es schafft, den Schluss der Ehe (Vorsicht: Wieder Doppeldeutung!) hier ausrichten lassen zu können. Aus einem Erinnerungsphoto wird eine endlose Serie, sie bringt mich in Pose, zeigt mir, wie und wo ich die Hände, den Kopf und die Füße zu halten habe, wie ich zu lächeln habe und wie der Augenaufschlag funktioniert, in Pose vor dem Aquarium, in Pose auf dem Treppenabsatz, in Pose unter dem Vogelkäfig mit einem Plüschvogel darin, den ich anlächeln werde, in Pose an der Statue neben der Bar, in Pose im Eingangsbereich, ganz locker in Pose, die Treppe herabkommend, in Pose auf dem Imitat eines Barocksessels, die Beine lasziv übereinander geschlagen, in Pose vor dem goldenen Spiegel, mit jeder Pose lächelt sie mehr und in mir prustet ein Lachen, ein Photo zum Daumenkino angeschwollen und wir haben tatsächlich Spaß miteinander.

Nächster Tag, auf dem Markt und manch einer verkauft nur drei Zwiebeln, jeweils mit Filzstift markiert, auf der äußersten Schale ’15 Rubel’, alles, was sie verkaufen können, alles was der eigene kleine Garten gerade hergibt. Ein kalter Schauer, der mir daraufhin den Rücken hinunter läuft, wir führen ein Gespräch, der Schauer und ich, aber er weiß ja auch nicht, wann man die Ungerechtigkeit je bezwingen können wird. Wenn die Alternative undenkbar ist, wenn die Ohnmacht siegt, was sind die Waffen im Umgang mit einer unabänderlichen Situation? Welch Privileg mir zu Teil wurde. Was habe ich je dafür getan? Ich bin geboren worden. Reich mit einem unbegrenzenden Reisepass und Sozialversicherung. Ich habe nichts dafür getan. Ich bereichere mich am Armutsmuseum und bleibe genauso machtlos, auch wenn ich freiwillig in meine Welt zurückgehen kann. Das Lachen zum Trotz. Tragen wir es!

Heute dann auf dem Bahnhof:

Вокзал

Und es gibt nur ein Gleis, die Hinweistafel konzentriert sich dabei auf das Wesentliche in der Angabe möglicher Destinationen: Ost und West [Восток и Запад]. Eine klare Reduzierung und Reduzierung der Möglichkeiten. Ost und West, mehr nicht, die herrliche Symbolkraft und metaphorische Tiefe der Anzeige bleibt zwangsläufig erste Assoziation. Kansk liegt auf Km 4.287 und 9.288 Km verbinden dann Welten. Oder politische Gesinnungen.

Did you know the train only stops here for two minutes? That’s where we are at. In every other city it stops at least for ten minutes!

Taiga, du Große. Taiga sauvage.
Sibirien, du Patriarchat.

Nobody is using Tinder here. There is just not even one person.

Typen

Dieser hektische Journalist mit dem schnellen und plötzlichen Schritt, der getönten Lesebrille, rapiden Gedankengängen und präzisen Formulierungen, sein Körper und Geist fallen aufgrund der Schnelligkeit aus dem Fluss, der Geist schiebt noch einen Witz hinterher, während der Körper mit vielen kleinen Schritten und hastigen, zuckenden Bewegungen längst vorneweg eilt, er bekommt dadurch etwas skurril Gebogenes. Redet, denkt oder schreibt er gerade nicht, setzt er einen Zug im Schachprogramm seines Telefons, das Telefon hält dabei er seitlich, kaum merkbar neben seinem Körper auf Hüfthöhe, seine, Gesprächspartner verbergend. Jevgeni.

Because, it’s a gnostic, you understand?! It’s agnostic!

Da er im Englischen vor die Adjektive häufig einen Artikel setzt, verstehe ich die Schärfe seines Urteils nicht. Und subtrahiere die Artikel, suche nach Sinn im Kontext, füge Artikel wieder hinzu. A gnostic agnostic. Could be. Why not?

Oder der Kleine mit der großen Zahnspange in dem jungen, unschuldigen, lachenden Evy SchubertGesicht, er, mein kleiner Fan. Überhaupt war er ganz hager und schlaksig, verbogen, so verformt wie einen nur die Pubertät kurzweilig verwachsen lassen kann, um alles jenseits von Proportionen stattfinden zu lassen, so auch seine Bewegungen, die noch etwas Unbeholfenes, Jungfräuliches hatten, körperliche, geistige und emotionale Entwicklung gehen hier noch nicht zusammen, die Stimme springt hoch und wieder herunter, dazu dann doch die Überraschung, das differenzierte und freie Lachen beim Betrachten meiner Filme, ein erwachsenes und gleichzeitig kindliches Lachen, das so gar nicht mit der äußerlichen Erscheinung verschmelzen möchte, kluge Fragen, ungebrochenes Interesse, abschließend die Bitte, mich zum Abschied umarmen zu dürfen, er erwürgte mich fast, ich rang nach Luft, kämpfte mit Schwindel, in seiner Jungfräulichkeit hatte er wohl noch nie eine Frau umarmt, ich lächelte ihn an, trank mit großen Schlucken Luft und wir sagten Пока oder bye bye.

Это фантастично! [Das ist phantastisch!]

Selbstgebrannter in Einmachgläsern, Einmachgläser mit einem Volumen von mindestens einem Liter, in der Innentasche des Mantels zusätzlich Cognac in Form eines Flachmanns, in den Plastiktüten Wodka in Wasserflaschen aus Plastik, auf dem Buffet Wodka und rote Limonade, das sind keine Сто граммов (100 Gramm/ Milliliter) mehr, das sind Миллион граммов (Millionen Gramm/ Milliliter). Ich werde trunken vom Anblick, die tiefe Bewunderung darüber, wie man sich mit der Droge Sibirien noch fortbewegen und unterhalten kann, wie das physisch überhaupt möglich ist, wird als ungelöstes Rätsel jenseits meines Körpers bleiben. Mit einem Lachen. Sorry we are so bold! Warum?

Because it’s about our time, our existence. And the fish is a gnostic symbol, you understand?!

Oder er, mit der Kippa, die er selbst auf einer Wildwasserflussfahrt nicht absetzt, aber nachts, nachdem er zwei Einmachgläser Selbstgebrannten intus hat, dann doch, er, der alles geschehen lässt, nur einmal kurz das Ruder betätigt, für die Theorie, die Statistik oder das Überhaupt, dann wird er transportiert, scheinbar willenlos, scheinbar gleichgültig, die Schönheit der Natur existiert mit ihm – um uns eine Stille, die wirklich still ist und wir paddeln nicht, für die Stille – ohne Bewertung, ohne eine Regung, die nach außen dringen könnte, sein Wesen ist versiegelt, wie später in der Mashrutka, wo eines der Schlaglöcher ihn aus dem Tiefschlaf reißen wird, um ihn an die Decke zu katapultieren, genau vor mir, in meinem Blick, natürlich muss ich unweigerlich lachen, auch Mitleid kann komisch sein, auch er lacht und ich bin dankbar, dass endlich ein Gefühl, ein Eindruck nach außen dringt, Lachen kann jenseits von Kontrolle sein, Lachen kann stärker sein als Stoizismus, und dennoch nimmt er alles hin, er leidet keinen Schmerz des Katapults, er ist – wie eigentlich ist er? Und dann fragt man sich doch, wie es möglich ist, dass ein absolut passiver Mensch, Leiter eines großen Museums sein kann, der auch noch differenzierte, philosophische Essays verfasst? Woher kommt der Aktionismus dann, Uri?

Und dann plötzlich:

Пока Канск! [Tschüss Kansk!]
Пока Алкомаркет! [Tschüss Alkoholmarkt!]

Zwischenstopp auf der Landstraße: Milchstraße auf russisch, Kassiopeia ist auch da.

В Москву.

Krasnoyarsk, Flughafen, wir lachen aus Übermüdung oder wegen der Plastikflaschen oder wegen der Einmachgläser. Eine Zigarette rauchen, 500 Rubel Strafe. Oder je nach Laune zwei Wochen Gefängnis. In Sibirien? Nein, danke!

Sonnenaufgang, Nebelschwaden, Taiga.
Oder blau, grün, rot.

In Plastik eingeschweißte Gepäckstücke werden in den Frachtraum hinaufgefahren, überraschend viele Tierkäfige warten ebenfalls auf ihren Transport, die Sonne kämpft sich in den Himmel hinauf, nur wärmen mag sie noch nicht. Neben mir; zwei weitere Wodkafahnen. Lange war ich nicht so nüchtern.

Nebelschwaden auf dem Rollfeld, haben es sich gemütlich gemacht, so ganz faul und doch frivol denken sie gar nicht daran, sich aufzulösen. Das Flugzeug wird sie durchschneiden, aber nur kurz,  dann, irgendwann und die träge Masse wird wieder eins werden.

Propellermaschine.
Plötzlich das Gefühl, nachhause zu wollen.
Dann Gedanken daran, zuhause wieder fort zu wollen.

Hier gibt es noch klar getrennte Männer- und Frauenwelten. Jenseits der Rechte wohnt dem etwas Schönes bei. Ich bin für Weiblichkeit.

Plötzlich das drängende Gefühl, das Wort ‚ja‘ vernehmen zu wollen, das Leben selbst zu bejahen, zu ermöglichen und nicht wie all zu häufig:

Нет! [Nein!]

Der Nebel schläft noch immer, der Pilot auch, sie kennen keine Eile, das Flugzeug mag sich noch nicht in Bewegung setzen. Plötzlich habe ich es sehr eilig.

Warum?

Pабота Давэй | Берлин [Arbeit | Los! | Berlin]

Selbst nach 22 Stunden Autofahrt und diverser Flugzeuge dieses seltsame, überraschende Gefühl:

Plötzlich Berlin.

Eindrücke, die man halten will, Eindrücke, die sich dann doch, genauso wie irgendwann die trotzigen Nebelschwaden, auflösen werden.

Antespektive

Ich wusste nicht, was ich suchte, wusste nicht, was ich finden würde. Ein Etwas, das aus vielen Bruchstücken besteht, die man vielleicht Vielfalt, Humor, Entgrenzung, Surrealität, hoffnungslose Hoffnung, Fremdheit und Absurdität nennen mag, ein Etwas, was das tiefe Innere einer menschlichen Seele, den Menschen an sich, ausmacht, ohne Verkleidung nach außen gestülpt, Fassaden, die nicht mehr eingerissen werden müssen, Fassaden, die gar nicht existieren. Ein Etwas, das schön und ursprünglich ist. Ein Etwas, das nicht gemacht ist. Irgendwo dazwischen ich, oder mein Blick oder mein Lachen oder meine Dankbarkeit darüber, all das wie ein ausgetrockneter Schwamm aufsaugen zu können, erleben und erfahren zu dürfen, mit euch, die ihr so extrem seid, weil der Durchschnitt hier auch extrem ist, zu begegnen, euch und dadurch unweigerlich mir selbst. Wir lachen viel, wir suchen nicht nach Sinn, aber wir haben alle unsere Bestimmungen und Berufungen und da treffen wir uns, hier in diesem fernen Kansk, das Hier, was jetzt Dort ist. Und dann unweigerlich, zurück in den Kreisverkehr meiner Erinnerung, wie ich im Kino sitze, plötzlich der Beginn meiner Retrospektive, ich habe das Gefühl meiner eigenen Beerdigung beizuwohnen, ich betrachte mich im Rückblick, ihr auch und so wird plötzlich der äußere Beweggrund doch zu einem Inneren, zu einer Begegnung mit meiner Berufung, einer Begegnung mit vielen kleinen Schritten, die ich mit absoluter Überzeugung und Behauptung in nun fernen Momenten gegangen war, die damals so sein mussten, unweigerlich und die keine Alternative kannten, die nicht hinterfragt wurden, die plötzlich eine Kontinuität aufweisen und durch mein Hiersein einen tieferen Grund bekommen, die zur Bestimmung werden. Warum auch sonst ausgerechnet Sibirien? All die kleinen Schritte haben mich hierher geführt, auch dieses verborgene Etwas in diesem fernen, aus der Zeit gefallenen Sibirien, ist Teil meiner Biographie, meines Weges. Ich muss das akzeptieren. Ich bin nicht in Cannes, ich bin in Kansk. Ich verlasse das Kinodunkel für meine Zukunft, ich blicke nach vorne, das war doch erst der Anfang, ich bin immer noch am Werden. Versteht ihr das? Und dann kommt ihr dazu, meine Vergangenheit hat ein Ende, die Filme sind abgespielt, ich habe wieder ein Jetzt und eine Zukunft, danke, darüber seid ihr euch zum Glück auch einig und dankbar bin ich euch für eure Rückmeldungen, die mich bestätigen wollen, dass ein Gefühl der Berufung tatsächlich sein kann, dankbar, dass ihr wollt und hofft, dass dies nicht meine Beerdigung war, sondern erst ein Ausblick durch den Rückblick ermöglicht und so wird aus retro auch ante werden. Der Philosoph aus Krasnoyarsk schließt sich unserer Diskussion an, er lächelt stolz in die Runde, ein Zeigefinger wird auf mich gerichtet:

Она философ! [Sie ist Philosophin!]

Das verstehe ich auch mit meinem Minimalrussisch und dann diskutieren wir, mit weiteren Zeigefingern, Ellbogen (warum?), Fragen, Lachen und ihr interpretiert, ich Evy Schubertdanke euch, für die Perspektiven und den äußeren Blick, meine eigenen Arbeiten und mich selbst anders wahrnehmen zu können. Ich werde durch euch. Zurück in den Kreisverkehr der Erinnerungen, die Schallplatte hakt, springt zurück auf den gleichen Moment, aber was anders ist, man hört sich die Töne nochmals und präziser, man lauscht, ihr Volumen ist groß, die Eindrücke und Wirkung vielfältiger, eine Sekunde wird zur Ewigkeit in der Betrachtung und das ist etwas Schönes oder Bereicherndes. Wie ihr, in diesem Moment, euch, die ich als unser Publikum ins Herz schließen werde, euer Lachen und Staunen im Saal, ich vergegenwärtige mir, wo ich mich eigentlich befinde und stelle fest, wie provokativ meine Arbeiten hier im tiefen Hinterlande Putins aufgenommen werden. Wir (meine Filmfiguren und ich) sind blasphemisch, absurd, homosexuell und haben auch noch eine Menge Freude dabei. Das scheint das Publikum zu verwirren und gleichermaßen zum Lachen zu verführen, vielleicht über ihr eigenes System oder sich selbst und vielleicht trägt man dann doch zu etwas bei, was sich künstlerische Auseinandersetzung und Lust nennt oder Kulturaustausch oder einfach nur Freiheit.

Спасибо! [Danke!]

Kansk. Und dann werde ich denken, wenn die Platte oder der Kreisverkehr schon weiter gelaufen ist und Berlin spielen möchte, dass ich da war, ich war da, weil ich meinen Weg gegangen bin. In der Vergangenheit und anscheinend auch heute noch, oder warum ausgerechnet Sibirien?

Alles hat einen Grund. Am Ende vielleicht eben nur einen, den man nicht erwartet hätte, einen Grund, der sich erst später offenbaren wird und vielleicht wird man dann, in einem anderen Rückblick sagen, da war die Kreuzung, da war die Kreuzung und da hat sich alles zusammengefügt. Woher weiß man denn das? Man wird es nie erahnen können, das Leben wird sich immer da am stärksten entfalten, wo man nicht daran denkt. Manchmal auch, braucht man kein Wofür. Oder warum ausgerechnet Sibirien?

Пока Канск [Tschüss Kansk]
Und all die trunkenen Gestalten, die von Tag zu Tag leben, dort? Sie können nicht anders. Einfach nicht anders. Oder wollen es nicht. Vielleicht kennen sie kein anders, denn das anders zu leben, verlangt Mut und Selbstbehauptung, die eigene Entscheidung, Außenseiter zu sein. Das Schöne, auch Außenseiter finden immer ihre Kreise. Wer sagt denn, was besser ist? Der Anstand? Anstand, was soll das? Oder es ist einfach ein Lebensgefühl: In einem vorgegeben System, die totale Maßlosigkeit.

Почему нет?! [Warum nicht?!]

Fragen als Geschenk. Fragen im Gepäck.

Man merkt erst, dass man weg muss, wenn man geht.

Die Rezeptionistin, tritt vor die Tür des Hotels, wie ich mich in das Auto begebe, das mich Evy Schubertdurch die Nacht und durch die Taiga nach Krasnoyarsk zum Flughafen fahren wird,
zum Abschied lächelt und winkt sie in die Dunkelheit und ich winke zurück, die Abfahrt verzögert sich um einige Minuten, wir warten auf Mitreisende und so winkt sie immerfort und ich auch und wir hören beide einfach nicht auf und irgendwann wird uns der Arm schmerzen, aber die Höflichkeit und Innigkeit kennt nun keinen Schmerz mehr, weil wir auch keine Worte kennen oder keine Worte haben, die uns neben dem Winken verbinden könnten und so bleibt der schmerzende Arm die einzig sinnvolle Geste und dann werden wir doch befreit und das Auto verschwindet im Dunkel des Nebels, im Dunkel der Nacht, ich blicke in den Rückspiegel und sehe verschwommen ein Winken mit Nachhall, das mich auch weiterhin berühren wird, dann sage ich Пока Канск [Tschüss Kansk], aber dieses Mal laut und alle brechen in schallendes Gelächter aus, womit ich nicht gerechnet habe, plötzlich wollen wir alle fort, das spüre ich. Plastikflaschen werden aus Handtaschen gezückt, nun Wodka und Cognac im Kreisverkehr. Warum nicht?!

Jegliches Zeitgefühl scheint verloren gegangen. Vielleicht braucht man diese Einordnung nicht mehr, wenn man absolut bei sich selbst ist?!

Evy SchubertHungrige Augen und das Extrem erscheint als Durchschnitt oder Status Quo. Die Kälte, der Alkohol, das massive Essen, um das massive Trinken auszuhalten, die Natur, die absolute Stille, die wirklich still ist, die Tristesse, die Herzlichkeit, das Hotel mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und alle stehen rum, alle wollen arbeiten, niemand hat etwas zu arbeiten und keiner fühlt sich verantwortlich, die Armut, die üppigen Blumenbeete, das unfassbar Schöne, die Transsibirische, die endlose, horizontale Weite. Die Ewigkeit, das Gigantische, wie kann der Mensch dort nicht zum Extrem werden und alle Emotionen wie unter einem Mikroskop erleben und nach außen tragen? Der Expressionismus als Echtheit und jetzt im Rückblick als magisches Gefühl und da wird zu dort und andersherum.

For me as a Russian this Siberia is like a natural high. I wonder how you manage?!

Ein Eindruck mit Nachhall. Irgendwann dann als Ausdruck.

Und dann, woher soll man auch wissen, wie man kämpft? Im Krieg? Das habe ich gerade geträumt, aber wer weiß denn wirklich schon, wie man schießt? Auf Menschen?

Alles verschwimmt. Auch Träume sind real.

Plötzlich wieder umgeben von einer Welt, in der es Freizeitbeschäftigungen gibt. Am Kanal wird Tischtennis und Boules gespielt.

Das Farbspektrum so klar definiert. Die Natur (grün und blau), Menschengemachtes (grau), Schulen und Traditionen (türkis oder Regenbogen vor Betongrau).

Never repeat.

Wie hatte ich es vergangene Nacht in Krasnoyarsk eilig, fort zu kommen, fort aus der Überdosis an Erfahrung, fort von der Entgrenzung, wie differenziert und umfassender dann wieder der Rückblick. Plötzlich Sehnsucht. Sehnsucht wonach? Nach Sibirien oder nach mir in der Ferne? Man sollte ehrlich sein. Wenigstens mit sich selbst.

Was bleibt: ein Lebensgefühl. Auch in mir. Спасибо! (Danke)!

Сибирь. Эпический. [Sibirien. Der Epos.]

Und nun, Augen mit Nachhall, im Inneren oder in den Träumen, das Gefühl der magischen Weite und dichten Wälder, das Gefühl, ohne Limitierung sein zu können, Wolken die die geographische Landesgeschichte fortschreiben und endlos in die Länge gedehnt erscheinen, über Sibirien nun als  weiße Decke, Himmel spielend für die darunter, Schwebeboden für mich im Flugzeug darüber, komprimiert, blickdicht und fest und Natur kennt keine Grenzen, weder oben noch unten. Dann die Erinnerung, ich habe selten nach oben geschaut, der Blick wurde stets in die Horizontale gezogen oder gezwängt, als sei dieses Sibirien so ewig weit und tief wie das Universum selbst. Beim Anflug auf Berlin plötzlich die Dreidimensionaliät des Himmels, lockere, aufgetürmte, sich in die Höhe spielende Wolkenformationen, wie glückliche Tiere oder Himmelstore, in die Vertikale gehend, so als würden sie mir zeigen wollen, dass sie doch Landesgrenzen kennen und sich nur nach oben in die tatsächliche Unbegrenztheit entfalten könnten.

Это Берлин? [Das ist Berlin?]

Ja, ich war in einer anderen, sehr eigenen Welt. Einer Welt voller Typen, Typisierungen – bei gleichzeitiger, kontinuierlicher Überraschung. Man darf keine Schlüsse ziehen. Nicht voreilig, schon gar nicht als Reisender.

Wie hübsch Wohlstand machen kann, wie er Schönheit konservieren, ermöglichen kann.

Ich ziehe doch Schlüsse.

Gebetsräume am Flughafen. Ich gehe nicht hinein. Ich bin nicht religiös, aber ich bin auch nicht blasphemisch.

Keine Hobbys in Sibirien. Perspektiven, die nur im Wohlstand weiter gegeben werden.

Lernen aus der Betrachtung heraus.

Eine Welt ohne westliche Einkaufspassagen, eine Welt ohne westliche Restaurantketten, eine Welt jenseits der Globalisierung. Eine Welt jenseits von:

Buy one get one free. Get for free what you don’t need.

Frisuren wie vom Reißbrett oder hier (= da) nun zusammenfassbar unter dem Genre ‚Mut zur Hässlichkeit‘, gelebt mit ungebrochener Behauptung und Überzeugung von Schönheit. Frisuren jenseits der Globalisierung und einmal die Farbpalette durchprobiert. Почему нет?! [Warum nicht?!]

Fenster, die bis zum Boden reichen oder Schnee, der bis hinein ins Wohnzimmer reichen wird. Bald.

Sie finden mich schön. Aber nur weil ich exotisch bin. Exotisch in Sibirien.

Und dann, beim Reisen, wie will man immer das Perfekte, Schöne erleben, um beeindruckt zu sein und beeindruckende Geschichten zu erzählen, aber sind es nicht gerade die verstörenden Momente oder die kleinen Unscheinbarkeiten, die einen wirklich reifen lassen, die wirklich Gehalt haben?

Sibirien, merkwürdig, ich habe fast nie nach oben geschaut, als wäre mein Blick auf ewig in die Horizontale geklemmt. Ja, ich habe das schon mal geschrieben, aber es beeindruckt mich immer noch. Sibirien hat keinen Hans guck’ in die Luft.

Sibirien. Und meine Halbwahrheiten. Über Sibirien.

Es war normal, dass man nicht normal war. Die Entrückung als Standard.

Jetzt ist er auf der Zielgeraden.
– Wer?

Etwas gut finden, weil es einen an einen selbst erinnert, weil es einen selbst bestätigt. Wie langweilig.

Wir haben nicht über Politik gesprochen. Es gab keine Notwendigkeit. Vielleicht gibt es die hier, im Blick von außen, mit dem Blick der westlichen Medien. Dort jedoch herrschte eine stumme Übereinkunft der Ablehnung des herrschenden Systems und seines Oberhauptes, die Ablehnung brauchte nicht verbalisiert zu werden, die gefühlte Selbstverständlichkeit unter den Kulturschaffenden, ihrem Publikum, den Journalisten war omnipräsent, da eine Befürwortung gar nicht erst vereinbar mit ihren Berufen, gar nicht erst lebbar oder möglich wäre. Man kann nicht Künstler und für das Regime sein. Als Jury verfassen wir einen Brief an die Regierung, um einen inhaftierten Theaterregisseur freizulassen, es vollzieht sich in unaufgeregter Normalität und Selbstverständlichkeit. Er ist nur einer von vielen. Im Stadtbild dann der Widerspruch, gelinde Zustimmung für des Regime in der Ferne, В Москвe. Graffiti und Plakate erklären das Staatsoberhaupt allgegenwärtig zum Helden, aber auch das wird wieder nur hingenommen, so dass man die Plakate bald schon übersehen wird und Hoffnungen, werden an den starken Mann abgegeben, der aber ohnehin nichts auf diesem Millimeter verändern wird. Jeder weiß das. Im Mangel an Alternativen wird sich nicht erhitzt. Man leidet unter einem Polizeistaat, aber man nimmt es hin oder lacht darüber, Selbstironie, die schützt, Selbstironie, die nichts bewegt. Der Große wird einfach verdrängt, man versucht sich jenseits der Politik zu bewegen und da treffen wir uns. Da treffen wir uns ohne unpolitisch zu sein.

Нет Конец.
Kein Ende.

Сибирь. [Sibirien.]

Evy Schubert

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